„Eine unerwartete Begegnung wird ihr Leben nachhaltig verändern.“
Der silbergraue BMW stand noch immer vor dem Haus.
Die zwei Männer, die darin saßen, wirkten alles andere als vertrauenerweckend und als Marie sah, dass ihre kleine Tochter Lilli im Vorgarten spielte, ergriff sie auf einmal panische Angst.
Sie rannte fast zum Gartentor, die Einkaufstüten fest umklammert, und rief ihr Kind zu sich.
Ohne inne zu halten, packte sie Lilli dann grob am Arm und zerrte sie zur Tür und ins Haus hinein.
„Mama! Du tust mir weh!“ Der empörte Schrei brachte sie ein wenig zur Besinnung und sie stellte die Tüten ab und kniete sich vor Lilli nieder.
„Es tut mir leid mein Schatz. Ich wollte dir nicht weh tun. Aber es war gerade nicht sicher da draußen...“
War es das wirklich? Marie war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob sie nicht nur übergeschnappt war und sich alles nur einbildete. Aber das Auto stand schon seit eingen Tagen in ihrer Straße und vermittelte ihr ein komisches Gefühl des Beobachtet-werdens. Vielleicht wollten diese Männer ja in ihr Haus einbrechen oder ihr Kind entführen. Wer wusste heutzutage schon noch, welche Ideen Menschen hatten?
Plötzlich unglaublich erschöpft, fuhr sich Marie durchs Haar und zog ihren Mantel aus. Lilli war in ihr Zimmer verschwunden, sicher froh, ihrer verrückten Mutter zu entkommen.
Die letzten Wochen waren einfach zu stressig gewesen. Im Büro war die Hölle los und die Nachricht, dass ihre beste Freundin Annalena wahrscheinlich Krebs hatte, war ein Schock gewesen. Das konnte einen schon ein wenig aus der Bahn werfen.
Die Tüten wieder aufnehmend und mit dem Ellbogen die Tür öffnend, trat Marie in die Küche.
Er stand mitten im Raum und starrte sie an. Vor Schock wie gelähmt konnte sie nicht einmal schreien. Der Atem stockte ihr und die Tüten fielen zu Boden.
Ein paar Augenblicke bewegte sich niemand, es war totenstill. Dann fuhr Maries Hand an ihr Herz, das plötzlich anfing zu rasen. Einbrecher! Ihr Gefühl hatte sie nicht getäuscht. Wo war das Telefon?
Ihre Hände zuckten fast reflexartig zur Seite und er erwachte sogleich aus seiner Erstarrung.
„Tun Sie das nicht.“ Seine Stimme war tief und etwas heiser, der Befehl kurz aber umso entschiedener. Er hatte sich nicht vom Fleck bewegt, doch auf einmal war die Pistole in seiner Hand. Die Mündung zielte auf ihre Brust.
Entsetzt erstarrte sie wieder zur Salzsäure. Nur nicht schreien, nicht bewegen. Bloß nicht Lilli anlocken. Wenn ihr etwas passierte...
"Setzen Sie sich." Mit der Waffe deutete er auf den nächsten Küchenstuhl. Mechanisch kam sie seinem Befehl nach und ließ sich darauf sinken. Noch immer war sie sprachlos vor Schreck, doch er schien nicht vorzuhaben, sie gleich totzuschießen, weshalb sie sich ein wenig entspannte. Sie öffnete den Mund, doch es kam nur ein Krächzen heraus. Nachdem sie sich geräuspert hatte, war ihre Stimme wieder bereit zu sprechen. "Was wollen Sie von mir?"
"Ich werde eine Weile hier bleiben. Und Sie sollten besser alles tun, was ich Ihnen sage, dann gibt es auch keine Probleme."
Oh Gott, was hatte dieser Mann vor? Würde er sie vergewaltigen? Ihrer Tochter etwas antun? Er sah definitiv gefährlich aus. Seine große schlanke Gestalt war durchtrainiert und sowohl seine Haare als auch sein Teint und seine Augen waren dunkel. Scheinbar hatte er sich länger nicht mehr gewaschen, denn er wirkte etwas ungepflegt und seine Frisur hätte einen Friseur benötigt. Marie glaubte ihm definitiv nicht, dass es keine Probleme geben würde. Und überhaupt....
"Was heißt, Sie bleiben hier? Wer sind Sie eigentlich und wie sind Sie in mein Haus gekommen?" "Wer ich bin ist unwichtig und wenn es Sie so interessiert: Ihr Schloss an der Hintertür war kein großes Hindernis." Er hielt einen Schlüssel in die Höhe. Maries Herz machte einen erschrockenen Satz, bis ihr auffiel, dass er keinem ihrer Schlüssel ähnelte. Es musste ein Schlagschlüssel sein. Dieser Mann war gut vorbereitet oder er brach öfter in fremde Häuser ein und bedrohte unschuldige Leute, dachte sie.
"Wie geht es jetzt weiter?" Ihre Stimme war heiser und klang ein wenig wackelig, doch sie gehorchte ihr wenigstens noch. Er dachte eine Weile nach und musterte sie dabei. Seine Augen verrieten nichts von dem, was er dachte und Marie kam sich plötzlich unglaublich verloren vor. Das Gefühl, jemandem vollkommen ausgeliefert zu sein, überwältigte sie ganz plötzlich und ihr wurde bewusst, dass sie nichts tun konnte und alles machen würde, was er von ihr verlangte. Solange Lilli nichts geschah... Wenn er ihrer Tochter wehtat, konnte auch seine Pistole ihn nicht mehr retten...